Pinky Gate – Warum „Pinky Gloves“ das beste Beispiel für Man Privilge ist

Veröffentlicht: 18/04/2021 in Ein paar Gedanken zu ..., feminismus
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In den letzen Tagen wurde schon viel über die Pinky Gloves geschrieben, gesagt, in lustigen Videos und Memes wurde die Meinung vieler dazu im Internet verbreitet. Als ich das mitbekommen hab, musste ich schon etwas schmnzeln. Ich hatte die Werbung dazu schon im Dezember 2020 gesehen und mich bei Instagram aufgeregt (könnt ihr gerne überprüfen, Insta: eule_meint). Damals hat es nur niemanden interessiert, weil es einfach niemanden aufgefallen ist. Mit gerade mal 70 Followern ist das auch kein Wunder. 😅
Der jetzige „Shitstorm“ kam auf, weil die beiden Gründer sich einer breiten Öffentlichkeit präsentierten. Das haben sie sehr bewusst gemacht und bis zur Ausstrahlung auch Erfolg gehabt, denn sie haben einen Deal bekommen, keinen schlechten, während schon andere Produkte (auch aus der gleichen Nische) leer ausgingen. Sie konnten sich also zumindest sicher sein, dass sie gesehen werden und dass sie das Label „Bekannt aus der Höhle der Löwen“ erhalten werden. Womit sie nicht gerechnet haben war halt der Widerspruch und die Kritik.

Die Kritikpunkte sind dabei folgende:

  • Perioden- Shaming
    Durch die Aussagen, dass man die Handschuhe auch im privaten Haushalt nutzen kann, sodass niemand Blut im Mülleimer sehen muss, wird die Periode als etwas ekliges dargestellt, dass man vor Menschen die nicht menstruieren verheimlichen muss. Dazu wird durch die Aussagen „hygienisch entsorgen“ ebenfalls sugeriert, dass die Menstruation etwas unhygienisches ist.
  • Sinnhaftigkeit des Handschuhes
    Menstruierende haben schon längst Lösungen gefunden. Es wurde versucht ein Problem, dass die beiden Entwickler hatten als ein Problem von Menstruierenden dargestellt.
  • Es werden nur Frauen angesprochen.
    Der Fakt, dass nicht jede Frau menstruiert und nicht jede Person die menstruiert eine Frau ist wird außer Acht gelassen.
  • Preis
    Ein Handshuh kostet umgerechnet 25 Cent, ein O.B. Tampon (also schon die teure Marke) kostet 12 Cent. Damit ist der Handschuh um das eigentliche Produkt zu entsorgen mehr als doppelt so teuer als der Tampon selbst.
  • Der Handschuh ist nicht ökologisch
    Der Handschuh selber ist ökologisch abbaubar, sobald ein Tampon drin ist er es aber nicht mehr. Es wird dadurch mehr Müll als notwendig verursacht. Vorallem weil die Gloves einzeln verpackt sind.
  • Name und Darstellung
    Natürlich müssen die Handschuhe pink sein. Das gerade in den letzten Jahren die Gendernormen versucht wurden aufzubrechen wird genauso ignoriert wie der Fakt, dass ein pinker Handschuh einfach nicht mehr diskret ist. (Womit es an einem der angeblichen Vorteile völlig vorbei geht).

Ich stimme allen Kritikpunkten voll zu. Gerade das Marketing und die Beweggründe der beiden Entwickler der Pinky Gloves sind mehr als fragwürdig. Neben dem ganzen habe ich einen Kritikpunkt aber nie gehört, gelesen oder gesehen, obwohl man ihn schon herausahnen kann.

Die Beiden haben einfach ihren verdammten Job nicht gemacht. Wenn man als Unternehmer ein Produkt entwickelt dann zählt dazu, dass man Marktforschung und Marktbeobachtung betreibt. Das sollte man besonders dann machen, wenn man nicht zur Zielgruppe gehört und auch vorher keinerlei Erfahrung mit Produktentwicklung für diesen Markt hatte.

Natürlich war ich bei der Entwicklung nicht dabei, aber hätten sie sich mit Periodenprodukten wirklich ausgiebig beschäftigt und hätten sie unabhängige Zielgruppenbefragungen (also außerhalb ihres sozielan Umfeldes) gemacht, dann hätten sie viele der Fehler vermeiden können. Vielleicht hätten sie dann das Produkt gar nicht erst auf den Markt gebracht.

Denn, hätten sie sich mit dem Markt beschäftigt, dann hätten sie eigentlich auf die Marke „Pink Tampon“ stoßen müssen. Pink Tampon ist ebenfalls von zwei Männern entwickelt worden und auch sie hatten vor einiger Zeit mit deutlicher Kritik zu tun und zwar mit ungefähr den gleichen Kritikpunkten wie jetzt die Pinky Gloves. Perioden-Shaming, Stereotypisierung (weil pink) und nur die Ansprache von Frauen, statt von Menstruierenden. Soweit ich das verfolgt habe, haben sie zumindest ein paar Punkte verbessert (den Zusatz Pink bekommen sie halt nicht mehr weg, was ich verstehen kann, wenn man schon eine Marke angemeldet hat).

Hätten sie eine Zielgruppenbefragung durchgeführt, hätten sie gemerkt, dass die meisten Menstruierenden das Produkt nicht wirklich brauchen und es auch kein Problem löst, sondern im Gegenteil die Lösung wieder alleine in die Hände von Menstruierenden legt (oder die Hand umschließt, you know…). Die beiden Männer gaben zwar an, dass sie Frauen befragt haben, aber eben nur in ihrem Umfeld.

Warum das an der Stelle nicht ausreicht? Auch das sieht man an der Geschichte, wie es überhaupt zu dieser Idee kam. Und an der Stelle muss ich einmal eine Lanze für sie brechen und habe sogar Verständniss, warum sie wirklich dachten es wäre eine gute Idee. Die beiden wurden damit erst konfrontiert, als sie schon über zwanzig waren. Sie haben Mütter, hatten vermutlich schon vorher Freundinnen gehabt, aber erst nach dem Einzug in eine WG in der Menstruierende wohnen, wurden sie mit Periodenartikeln in Mülleimern konfrontiert. Und das ist genau das worüber wir die ganze Zeit sprechen. Die Periode wurde so tabutisiert und schon jungen Mädchen wird beigebracht, dass man es bloß verstecken soll, dass zwei erwachsene Männer nicht wussten, dass das völlig normal ist. Es gibt nicht umsonst den Witz, dass Menstruierende die besten Drogendealer wären, weil wir es einfach so gewohnt sind Tampons heimlich auszutauschen. Die beiden Männer sind in einem Umfeld aufgewachsen, in denen auch ihnen das so vermittelt wird. Und es scheint auch so, dass sich auch ihr jetziges Umfeld nicht groß geändert hat, da also immer noch die uns allen eingetricherte Scham vorhanden ist.

Falsche Annahmen, auf Grund der eigenen Sozialisierung können wir alle haben. Es ist jedoch wichtig, dass wir den Leuten, die es betrifft zuhören und von ihnen lernen. Und das hätten sie, hätten sie ihren Job als Unternehmer wahr genommen.

Sie haben sich aber nur oberflächlich mit ihrer Zielgruppe, dem Markt und auch ihrem Produkt beschäftigt. Und ja, sie haben ihr Problem, zu einem Problem von Menstruierenden gemacht. Aber auch das ist so ein Ding. In einer von Männer für Männer gemachten Welt fällt es schwer zu verstehen, dass das eigene Problem nicht das Problem von allen ist, genauso wie es umgekehrt schwer fällt ein Problem zu erkennen, wenn man selber davon nicht betroffen ist.

Der „Shitstorm“ hätte also vermieden werden können. Man hätte gemerkt, dass gerade die Aussagen, dass man es zu Hause oder bei Freunden nutzen kann, nicht gut sind. Wenn man das Produkt unbedingt auf den Markt bringen will, dann hätte man das Marketing auf den einzigen wirklich ansatzweise sinnvollen Nutzen richten können, nämlich dann wenn man z.B. in der Natur campen ist. Dann hätte man den Handschuh vielleicht auch eher grün gemacht oder sowas. Aber auch wenn man in der Natur ist sollte man Dinge dabei haben um seinen Müll zu entfernen und Menstruierende bereiten sich auch auf solche Situationen genügend vor. Außer man wird überrascht. Aber ganz ehrlich, dann habe zumindest ich kleines Schusselchen ein ganz anderes Problem. Des Weiteren gibt es für diese Situationen auch andere Lösungen (z.B. normale Einweghandschuhe).

Mir fällt tatsächlich nur, neben der Natur, eine Situation ein, in der so ein Handschuh irgendwie nützlich sein könnte. Und das ist wenn man obdachlos ist und somit wirklich nicht immer die Möglichkeit hat eine Toilette aufzusuchen. Aber Obdachlose können sich definitiv keine 0,25 € für einen Handschuh, von dem man dann auch noch 2 braucht (also 0,50 € pro Tamponwechsel) leisten. Bei einem Tamponwechsel spätestens alle 6-8 Stunden benötigt man also 3-4 Tampons, also 6-8 Handschuhe. Das macht 1,50 € – 2,00 € min am Tag. Wie soll das bezahlt werden? Periodenarmut ist ein bekanntes Problem, Pinky Gloves machte, soweit ich mich erinnere, auf ihrer Instagram Seite sogar darauf aufmerksam (ist weg oder ich habs nicht mehr gefunden). Und dennoch fand sich keine Anmerkung dazu, dass sie z.B. ihr Produkt an Obdachlosenorgansiationen spenden möchten (wäre aber ne super Marketing-Aktion gewesen).

Hervorgehoben wird momentan auch, dass ja auch auf vielen öffentlichen Toiletten nicht immmer ein Mülleimer zur Verfügung steht. Das ist die traurige Wahrheit. Aber ein Extra-Produkt ist hier einfach der falsche Ansatz. Besonders in einer Zeit, in der darüber diskutiert wird Periodenprdoukte auf öffentlichen Toiletten kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Ein Mülleimer und Papiertüten sollten neben Toilettenpapier, Wasser und Seife zum Minimum gehören, nicht zur Luxus-Ausnahme. Auch hier wird deutlich wie wenig sich mit dem Markt und dem aktuellen Geschehen beschäftigt wurde.

Das sind meine hauptsächlichen Kritikpunkte und Gedanken dazu. Aber was hat das jetzt mit (White) Man Privilige zu tun? Das geht eigentlich aus meiner Einleitung schon hervor. Die beiden Männer hatten ohne große Ahnung vom Markt zu haben und ohne ihren Job als Unternehmer und Entwickler richtig zu machen dennoch Erfolg. Zumindest bis zur Ausstrahlung von ihrem Pitch. Diesen Luxus kann man sich nur erlauben, wenn man aus einem sehr priviligierten Standpunkt aus heraus handelt. Frauen haben es erwiesenermaßen schwerer Investoren zu finden. Das zeigt schon Die Höhle der Löwen, in der Menstruationsunterwäsche keinen Deal bekommen hat (weil die Zielgruppe zu klein wäre), die Handschuhe (gleiche Zielgruppe) haben ein Investment in Höhe von 30.000 € bekommen. Das ist ungefähr so, als wenn man eine 1 in der Schule bekommt, obwohl man die Hausaufgaben nicht gemacht hat, nur weil man der Liebling von allen Lehrer:innen ist. Und sich das dann nicht mal bewusst ist. Sie konnten es sich erlauben schlecht vorbereitet zu sein, weil es bis zu einem gewissen Grad funktioniert hat (und vor einigen Jahren auch besser funktioniert hätte, seien wir einmal ehrlich).

Ich bin gespannt wie es weiter geht. Ich denke aber, dass das Unternehmen sich schwer davon erhohlen wird, dazu war die Reaktion zu heftig. Außerdem können sie die Hauptkritik, dass die Handschuhe nicht gebraucht werden und kein Problem von Menstruierenden löst, nicht korrigieren.

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